Die Angst vor Buchstaben abbauen

Etwa 300.000 Menschen in der Schweiz haben zwar die Schule besucht, können aber dennoch nicht richtig lesen und schreiben. Einige holen das Versäumte später nach.

Von Gabriela Baumgartner

Das Qualifikationsgespräch mit dem Chef sei sehr positiv gewiesen erzählt Kurt Hunziker seiner Gruppe. Auch beim Sprechen fühle ich mich heute viele sicherer. Der 33-Jährige lächelt und blick noch etwas unsicher in die Runde. Es hat sich wirklich gelohnt.

Immer wieder Angst.

Neben ihm sitzt Sonja Kündig. Seit bald zwei Jahren sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Kurses damit beschäftigt nachzubholen, was sie alle im Laufe ihres Lebens irgendwann einmal aufgegeben hatten: Lesen und Schreiben. Einmal pro Woche besuchen sie den Kurs über, tauschen Erfahrungen aus, motivieren sich gegenseitig.

Wahrheit lange vertuscht

Fast zehn Jahre lang arbeitete Sonja Kündig bei einer Schweizer Grossbank. Ich verstand einfache Texte wie Witze in Zeitschriften. Schreiben aber konnte die heute 45-jährige Mutter zweier Söhne nur gerade mal ihre Adresse. Dafür hatte sie einen außergewöhnlich Sinn für Genauigkeit und ein gutes Gedächtnis für Zahlen. Problematich wurde es erst, als sie ihren Mann kennenlernte. Ich hatte furchtbare Angst, ihm die Wahrheit zu sagen. Würde er mich für dumm halten? Ihr Mitstreiter Michael Feller schwankt noch immer ständig zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Weil seine Eltern häufig den Wohnort wechselten, hatte der 36-Jährige große Probleme in der Schule. Als ich vor vier Jahren hierher kam, konnte ich gar nichts. Ich schämte mich, lebte sehr zurückgezogen und hatte kaum Bekannte. In der Zwischenzeit hat er aufgeholt, kann sich jetzt auch mündlich besser verständigen.
Zum ersten Mal in seinem Leben traut er sich, mitzureden und seine Meinung zu sagen. Zufrieden ist Michael Feller aber noch nicht. Beim Lesen einer Zeitung oder eines Buches hat noch immer Probleme. Manchmal verstehe ich einzelne Wörter nicht, und dann macht. Verzweifelt wirft er in solchen Situationen den Text weg. Manchmal kommt es mir vor, als würde ich einen Teufel in meinen Händen halten.

Besseres Selbstwertgefühl

Lese- und Schreibschwächen drücken auf das Selbstwertgefühls, erklärt Silvia Herdeg, Kursleiterin am Verein Lesen und Schreiben für Erwachsenes. In diesen Kursen wird deshalb nicht nur stur Grammatik gelernt, Trainiert wird ein neuer Kommunikationsstil. Die Leute sind erleichtert, dass sie hier mit ihrem Problem nicht alleine sind. Mit jedem Fortschritt öffnen sie sich ein Stück weiter. Nach zwei Jahren sind viele wie verwandelt. Einige Teilnehmende haben überhaupt erst nach dem Kurs gewagt, eine anspruchsvollere Stelle zu suchen. Andere haben ihre Unabhängigkeit zurückgewonnen. Früher habe ich nie mit Kollegen über einen Zeitungsartikel diskutieren können, erklärt Christian Koller. Meine Angst war zu gross, ich könnte etwas falsch verstanden haben und mich dadurch lächerlich machen. Heute rede ich mit.

1. In der Schweiz gibt es etwa 300.000 Menschen, die

2. Sonja Kündig

3. Michael Feller

4. Die Leiterin des Kurses stellt fest, dass

5. Christian Koller

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