Die Schaufensterpuppe ist eine Pariserin und hatte erstmals 1849 in der Hauptstadt der Mode ihren Auftritt. Der französische Schneider Alexis Lavigne gilt als ihr Erfinder, auch wenn er damals seine Kleiderkreationen noch auf einer Schneiderpuppe vorführte. Bald schon taten es ihm andere Pariser Kollegen gleich. Sie begannen, ihre Modelle vor den Geschäften auszustellen, um die Passanten in die Verkaufsräume zu locken. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten großen Kaufhäuser eröffneten, erlebte die Schaufensterpuppe ihren Durchbruch. Der Puppenmacher Lester Gaba entwickelte in den 1930er Jahren das erste lebensecht wirkende Modell, Cynthia.
Sie durfte sogar mit auf Veranstaltungen, was beide berühmt machte. Fortan spiegelte die Schaufensterpuppe Zeitgeist und Schönheitsideale wider. Der Linzer Puppenmacher André Bauernfeind hat als Sammler begonnen, mittlerweile sind Schaufensterpuppen sein Beruf. Der 37-Jährige, der mehr als 1000 Modelle besitzt, ist österreichweit der Einzige, bei dem man sie reparieren lassen, aber auch mieten kann. Wer ihn an seinem Arbeitsplatz aufsucht, muss in den Keller.
Die Eisentür steht offen und lädt ein in sein großes Atelier voller Schaufensterpuppen: Kinder, Frauen und Männer, mit Perücke, geschminkt oder farblos, sitzend, liegend, stehend oder mollig, in Kisten verpackt oder in Einzelteilen von der Decke hängend. Während sich die Puppen in der Welt draußen perfekt präsentieren, wird hier in der Werkstatt mitunter ordentlich an ihrer Oberfläche gekratzt. Der 37-Jährige ist so etwas wie ein Schönheitschirurg für Schaufensterpuppen. Er macht sie wieder heil, verpasst ihnen aber auch Ganzkörper-Liftings, wenn gewünscht. Die bestehende Farbe wird dann entfernt, anschließend eine Grundierung und neue Farbe aufgetragen. Er klebt ihnen falsche Wimpern an und trägt mit einem Pinsel Schminke auf. Die Kosmetikprodukte kommen meistens aus der Drogerie, tragen aber manchmal auch Luxusnamen wie Armani oder Dior. Nur herkömmlichen Nagellack kann Bauernfeind nicht verwenden, weil dieser die Ölfarbe auflöst. Nicht selten fehlt den Puppen ein Finger, ein Ohr oder eine Nase. Dann greift der Linzer auf Modelliermasse zurück, deren Zusammensetzung streng geheim ist. Weniger geheim sind die Preise: Für 45 Euro fertigt er eine neue Nase, rekonstruiert ein Ohr oder auch ein Kinn. Wer allerdings einen Kopf modellieren lassen möchte, muss mit 2500 Euro und acht Wochen rechnen, für einen gesamten Körper mit 15.000 Euro und mehreren Monaten.
Obgleich er als Kind am liebsten mit Autos spielte, faszinierten ihn schon früh diese Mannequins in den Schaufenstern. Heute kommt er an keinem Schaufenster vorbei, ohne einen Blick hineinzuwerfen. ‚Ich erkenne schon an ihrem Standseil, um welchen Hersteller es sich handelt‘, sagt der gelernte Dekorateur. Sein erstes Exemplar kaufte er während seiner Ausbildung. 3500 Schilling wollte der Besitzer haben, man einigte sich auf Ratenzahlungen. Ein Jahr lang hat er sie abbezahlt. Die Puppe aus der Serie ‚Ragazza‘ mit der Nummer 9908 bekam bald Gesellschaft, die Sammlung vergrößerte sich sukzessive, zählte schon bald mehr als 100 Exponate. Aus dem Hobby wurde später ein Beruf. Bauernfeind verfeinerte sein Handwerk und übernahm schließlich ein altes Schaufensterpuppen-Unternehmen in Linz. Heute ist er Besitzer von 1200 Puppen, vermietet und repariert sie, stellt Sonderanfertigungen her. Bauernfeind verkauft auch für andere Hersteller. Er besitzt exklusiv die Handelsvertretung für eine belgische Schaufensterpuppenfirma. Alle anderen renommierten Hersteller aus Europa haben irgendwann ihre Produktion nach Asien verlagert. Qualität und Nachhaltigkeit sind ihm wichtig. Gemeinsam mit einem Farblieferanten hat er deshalb eine Farbe für Puppen entwickelt, die nicht nur ökologisch einwandfrei, sondern auch für den Menschen unbedenklich ist. Schließlich dringen die Farbstoffe in die Textilien ein. ‚Die Farbe könnte man sogar essen, und es würde nichts passieren‘.