Nachtzüge wecken heute oft nostalgische Vorstellungen. Man denkt etwa an den Luxus des Orient Express, der seine meist gut betuchte Kundschaft innerhalb weniger Tage von Paris nach Istanbul brachte, an Landschaften, die an den Zugfenstern vorbeirauschen, und das sanfte Rattern eines Zuges, das einen in den Schlaf wiegt. Doch hält die Realität, was solche Bilder versprechen?
„Teilweise“, meint die Studentin Sofia Osterhagen. Sie ist schon im Nachtzug von München nach Florenz, von Oslo nach Bergen und von Stockholm nach Kiruna gereist. Bei ihrer ersten Fahrt habe sie vor Aufregung nicht geschlafen, erzählt sie. Und auch sonst seien die Nächte im Zug oft unruhig, dafür sorgten etwa schnarchende Passagiere. Natürlich wäre Fliegen schneller und auf vielen Strecken sogar günstiger. Doch die lange Anreise gebe ihr Zeit, sich mit Mitreisenden zu unterhalten. „Die Leute erzählen während einer Zugfahrt viel aus ihrem Leben. Man erfährt mehr, als es bei Zufallsbekanntschaften oft der Fall ist. Das fasziniert mich», erklärt sie.
Früher, als das Fliegen teuer und das Reisen beschwerlich war, waren Nachtzüge eine Notwendigkeit. Heute, im Zeitalter von Billigfliegern und ausgebauten Autobahnen, haben sie eher ein Nischendasein. Doch es gibt sie noch, die Liebhaber des langsamen Reisens. So wie Familie Schneider aus Bayern. Vater Thomas erinnert sich an eine besonders anstrengende Autofahrt mit seinen kleinen Kindern in den Urlaub. Sie quälten sich durch Staus, die Kinder stritten sich auf der Rückbank, und alle waren fix und fertig, als sie endlich ankamen. Für die Rückfahrt buchten sie kurzerhand einen Nachtzug. Und siehe da: Die Kinder schliefen tief und fest, die Eltern konnten sich entspannen und kamen völlig ausgeruht am Zielort an. Doch als sein jüngster Sohn die Augen öffnete, rief er: „Das war meine beste Reise! Ein fahrendes Bett! Ich will jetzt immer nur noch Nachtzug fahren!“ Vor allem der Kinder wegen haben die Schneiders auch für den diesjährigen Urlaub eine Fahrt im Nachtzug gebucht.
Dass die Nachtzüge, die durch Europa fahren, nicht immer sonderlich bequem sind, darüber wird häufig geklagt. Fahrgäste bemängeln, dass die Waggons teilweise sehr in die Jahre gekommen sind und nur wenige Annehmlichkeiten bieten. Ist vielleicht auch dies ein Grund, warum Geschäftsreisende diese Transportmöglichkeit nur selten in Betracht ziehen?
„Das würde für mich keine große Rolle spielen“, meint Florian Kirsch, Vertriebsleiter eines mittelständischen Unternehmens. Viel wichtiger sei der Faktor Zeit. „Wer will schon zwei Nächte im Zug verbringen, bloß weil er einen Termin in einer anderen Stadt hat?
Wenn Nachtzüge konkurrenzfähig sein wollen, müssen sie mehr Schnelligkeit bieten, erklärt Florian Kirsch. Er selbst nimmt für längere Geschäftsreisen ausschließlich des Flugzeugs. Trotz des Verzichts der DB auf eigene Nachtzüge plant sie nun, zusammen mit europäischen Partnern wie der ÖBB und der französischen SNCF, mehr Verbindungen über Nacht anzubieten – etwa durch Kooperationen, die den europäischen Nachtzugverkehr ausbauen sollen. Ein französisches Start-up setzt zudem auf moderne Züge mit viel Privatsphäre, um die Attraktivität zu steigern.